Roms Puzzolanerde-Bergbau

Vorwörtliches

Die beeindruckenden Hohlräume unter Roms Wohnhäusern sind nur wenigen Eingeweihten ersichtlich umso grösser die gesponnenen Geheimnisse um diese Unterwelten. Allerlei Interessenslobbyisten vom Altmetallsammler bis hin zu Speleoklubs wissen die Geheimnisse rigide zu bewahren. So will ich die gewonnenen Geheimnisse keineswegs, trotz des möglichen Teilthemas hier, mit ins Grab nehmen.

Puzzolanerde das Material

Allererst, Puzzolanerde, im Falle der Millionenstadt Rom, ist trivial gesprochen, haufenweise Vulkanansche die einst vor X Millionen Jahre über das heutige Stadtgebiet regnete. Die Karte kennt um Rom herum einige, längst nimmer aktive, Vulkane welche zu solch wertvollem Baustoff beitrugen.

Puzzolanerde

Puzzolanerde (Bild Matti)

Aus Puzzolanerde wurde, ab 400 vor Christus, mit gebranntem Kalk beigemischt, Opus caementitium, römischer Gusszement, gefertigt indes entdeckten bereits die Phönizier 1800 Jahre vor Christus die Vorzüge der Puzzolanerdebeimischung. Puzzolanerde erfreute sich in der Antike bis ins Mittelalter grosser Beliebtheit. So lies sich etwa mit Puzzolanerdenzusatz ein Fest aushärtender Mörtel gewinnen. Dieser, nach 180 Tagen maximal ausgehärteter, Mörtel übertrifft noch heute Festigkeitswerte zeitgemässer Zemente.

Michelangelo verwendete bei der Ausgestaltung der Fresken in der Sixtinischen Kapelle Puzzolanerdenversetzte Mörtelgemische als Untergrund.

Puzzolanerde gibt’s die Rote wie auch die Schwarze, beide wurden im gleichen Masse gefördert. Deren Abbaustellen schaften bis zum heutigen Tage geschätzte rund 1/3 Hohlraumfläche unter der gegenwärtigen Stadt.

Die Geografie

Ich bewege mich, bei meiner Geschichte hier, im Distrikt V der Stadt Rom. Genauer genommen hauptsächlich im Bergwerk südlich der Via Casilina, das nördlich gelegene Bergwerk ist eines dieser gut gehüteten Geheimnisse womit, zwar ich mit Einblicken belohnt, mir die Berichterstattung nicht erlaubt sei.

Puzzolanerdebergwerke

Puzzolanerdebergwerke (Kartengrundlage Openstreetmap)

Beide Anlagen dürften, naheliegend, vielleicht gar einstig miteinander verbunden gewesen sein. Klar ist, gegenwärtiger Wissenstand, beide Bergwerke sind unabhängig mit wuchtigen Mundlochern und Zufahrten ausgestattet.

Mundloch Puzzolanerdebergwerk

Mundloch Puzzolanerdebergwerk

Die Zufahrt zum südlichen Puzzolanerde-Bergwerk liegt in einem Bahneinschnitt welcher jedoch nie von Schienenfahrzeugen befahren wurde. Man sagt, die Stadtbahnlinie seie um die 1940er ausgehoben indes nie fertiggestellt worden. Das eigentliche Puzzolanerde-Bergwerk, dürfte somit, spekulativ behauptend, vor Zeiten des Bahnbaus aufgegeben worden sein.

 

 

Puzzolanerde-Bergbau, erste Nutzungsperiode

Mir ist nicht restlos einleuchtend aus welchen Zeitepochen die Bergwerkstollen stammen. Indes dürfte Puzzolanerde bereits in der Antike rege Verwendung gefunden haben. Rom ist im Jahre 100 nach Christus zur Einmillionenstadt herangewachsen. Die Stadt benötigt eine Vielzahl Wohn und Infrastrukturbauten die, nach damalig neuestem Wissenstand, hochwertige Rohmaterialien benötigten.

Gleichzeitig musste die Millionenstadt ernährt werden. All die zahlreichen Bauzulieferer wie Steinbrüche und Puzzolanerdebergwerke befanden sich zwar ausserhalb der Stadtmauern doch auf fruchtbarem Landwirtschaftsboden. Obwohl die Puzzolanerde-Werke nicht tief unter der Erdoberfläche wirkten, wäre bei Tagbau ein beachtlicher Teil an Landwirtschaftsfläche zunichte gewesen. In der Folge wurden allen Anfangs Stollen getrieben die allmählich zum Pfeilerbau ausgeweitet wurden.

Puzzolanerdebergwerk

Puzzolanerdebergwerk

Auffällig sind, die beachtlichen Stollengrössen von 2 bis 4 Meter und die ständig steigenden und fallenden Stollenniveaus. In den ausgedehnten Stollensystemen sind wahrscheinlich nie Rollwagen und Schienen, wie in hiesigen Breitengraden bekannt, im Einsatz gestanden. Eher, denke ich, dass Pferde respektive Eselfuhrwerke in den Stollen zirkulierten und die Puzzolanerde zu Tage brachten. Etliche Bergwerksstollen beschneiden ältere Untertagebauten wie etwa ehemalige Tiefbrunnen und sind somit Zeugen damaliger Synergie zwischen Landwirtschaft, auf Tag, respektive Bergbau, nur wenige Meter, unterhalb.

Die Puzzolanerdestollen dürften bis ins 19. Jahrhundert nach Christus mehr oder minder intensiv das Beimischmaterial für Opus caementitium geliefert haben.

Fungi, Fungi und nochmals Fungi, zweite Nutzungsperiode

Pilzstollen

Pilzstollen

Eine zweite Betriebsepoche, die wahrscheinlich anfänglich Nahtlos in den Puzzolanerdebergbau hinein floss, beginnt richtig intensiv gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Genannt der industrielle Champignonanbau in den verwinkelten Stollenwerken.

Weite Strecken der Grubenhauenböden sind mit Humuserdesäcke belegt. Die Stollenwände und Decken sind, zur Verbesserung der Hygiene, mit weisser Kalkfarbe ausgespritzt. Teilweise sind noch PE-Rohre, zur Bewässerung der Pilzkulturen, an den Wänden montiert.

Pilzstollen

Dreirand im Pilzstollen

Die auffindbaren Artefakte aus der Pilzepoche sind alle eher neueren Datums, um die Jahre 1970 bis um 2000. Teilweise hängen an den Decken Selbstbau-Floreszenzlampen mit Perfektstartvorschaltgeräten die in Jahren 1990 im Einsatz standen.

Der Champignonanbau könnte so, anhand gefundener Spuren kurz vor dem Jahrtausendwende geendigt haben.

Die Müllhalde, letzte Nutzungsperiode

Nach Aufgabe der Pilzstollen wurden die alten Untertagehohlräumen zunehmend zugemüllt. Als willkommener Entsorgungsplatz dienten hauptsächlich die alten Stollenmundlöcher. Gleichzeitig fand ein reger Kupfer- und sonstiger Altmetalle-Abbau in den verlassenen Anlagen statt.

Ganze Altmetallsammlerfamilien siedelten sich nahe den Eingängen an und pflückten hauptsächlich alte Kabel welche einst zur Elektrifizierung der Pilzstollen dienten. Noch heute wird in den Stollenwerken fleissig Altmetall zerstückelt. Bei unserem Besuch war nicht weit des Einganges ein Kabel verlegt welches an einem Winkelschleifer endigte und tatsächlich, nicht wenig Später tauchten zwei Burschen auf die sich, mit genannter Flex, an einer Motorradschwinge zu schaffen machten.

Roms schwebende Stadthäuser

Fundamentriegel

Fundamentriegel Strassenbahndepot

Während untertägig rege gewirkt wurde, wuchsen oberirdisch Roms Vororte. Die, nicht wenig tief liegenden, Bergwerke bilden zunehmend ein wackligen Untergrund für allerlei Bauvorhaben.

Um die Jahre 1940 oder früher werden aufwendige Riegel in die Stollen eingebaut. Das auf meinem Bild festgehaltene Riegelwerk könnte, so aus meiner wagen Orientierung heraus behauptet, das Strassenbahndepot Roma Giardinetti tragen.

Fundamentabstützung im Bergbau

Fundamentabstützung im Altbergbau

Die Vorstadtbauten wurden grösser und mit ihnen, in logischer Folge, die Stützeinrichtungen.

Fundamentriegel

Fundamentriegel

Ein festes Verfüllen der Stollen wäre kaum Sinnvoll gewesen. Einerseits hätte ein immenser Verfüllaufwand resultiert anderseits hätte die Verfüllung die Stollenbauen irreversibel vernichtet. Es schien so als wären die Untertagebauwerke noch zu Stadtplanerneuzeit durchaus als erhaltenswert erachtet worden. Umso liebevoller ausgestattete Riegelkonstruktionen finden sich in zahlreichen Bergwerkssektoren.

Die Riegel wurden in der Folge immer Aufwendiger. Als Beispiel, ein kleiner Riegelwald, regelmässig mit Durchgängen ausgestattet, führt unter einer Überbauung aus denen geschätzten 1950er Eck Via die Centrocelle Via Casilina.

Schacht

Schacht

Nach Ende des Riegelwaldes führt ein interessanter Schacht in die Gartenanlage zwischen die Häuser. Der Schacht ist eindeutig zum Transport der Riegelbacksteine, beim Bau der Häuser, angelegt worden. Heute noch kann mittels diesem Schacht die Bergwerksanlage befahren werden.

Neuzeitliche Fundamentabstützungen, so ab 1970, wiederum finden sich in diversen Bergwerksteilen. Im Unterschied zu den beschrieben Backsteinriegeln sind neuere Fundamentsysteme auf betonierten Pfählen aufgestützt.

Anfänglich wird eine Bohrung in den Boden, durch den Stollen hindurch, bis auf festen Fels getrieben. Anschliessend wird ins Bohrloch eine Stahlröhre gelassen in welche eine Armierung versenkt wird. Zum Schluss wird die armierte Röhre mit Beton ausgefüllt. Je nach erwarteter Belasstung werden mehr oder weniger solcher Pfähle eingebaut ehe das Haus respektive die Hausbodenplatte auf den Fundamentpfählen gegossen wird.

Fundamentpfahl

Fundamentpfahl

Solche Fundametierungstechniken sind zweierlei in Roms Unterwelt im Einsatz. Grosse Pfähle mit einem Armierungskorb bis zu 80 cm Durchmesser und kleine Pfähle, maximale Durchmesser von 20 cm, wahrscheinlich mit einem H-Träger als Armierung im Rohr. Das gezeigte Beispiel ist solch ein kleiner Pfahl welcher vielleicht gar nachträglich, zur Fundamentverstärkung, eingebaut wurde.

Nicht wirklich letzte und ruhige Ruhestätten

Der Puzzolanerde-Bergbau öffnete zweifelsohne damals wie heute interessante Einblicke in längst vergessene Zeitepochen. Immer wieder trafen Bergarbeiter beim Stollenvortrieb auf ältere Untertagebauwerke.

Hiesiges Beispiel sticht in eine antike Friedhofsanlage welche wahrscheinlich um 200 nach Christus allmählich mit Verstorbenen aufgefüllt wurde.

Römische Grabanlage

Römische Grabanlage

Fest steht, die Bergarbeiter, ich vermute im 19. Jahrhundert, stiessen beim Stollenvortrieb auf ein oberhalb liegendes Erdgrab welches einbrach. Der Verstorbene, welcher in einem Hohlraum im Grab lag, stürzte in der Folge durch die aufgebrochene Stollendecke. Die Gräber waren, wie die Spuren zeigten, mit Steinplatten oberhalb abgedeckt. Eine wahrhafte Verlockung für Grabräuber die sich, mittels zertrümmern der Steinplatte, Zugang zum unterirdischen Friedhof verschafften.

Römische Grabanlage

Römische Grabanlage

Auch in Friedhofsteil selbst, welcher rund 50 Grabnischen und Erdgräber beherbergte, sind alle Steinplattengrabverschlüsse zusammengeschlagen. Noch liegen etliche Knochen früherer Beerdigter in der Grabanlage herum.

Römische Grabanlage

Römische Grabanlage

Der unterirdische Friedhof besteht aus einem Rundgang in der tiefen Sohle, mit verschiedenen Gräber, einem uns unbekanntem, gegenwärtig verstürztem, Stollenwerk in der oberen Sohle und einem Erschliessungsgesenk welches eindeutig mit einer massiven Platte verschlossen ist.

Einst war das untertägige Bauwerk mit schlichten Freskenverzierungen geschmückt. Die Anzahl vorgefundener Gräber lässt auf eine erweiterte, wohlhabende Familie, also Familienangehörige und Bedienstete, schliessen. In der Zeit um 100 nach Christus als Rom zur Milionenstadt heran wachste, waren Bestattungen innerhalb der Stadtmauern untersagt. Es müssten folglich abertausende Grabanlagen und Gräber in Roms Vororte schlummern.

Grabkammer

Grabkammer

Dass wir längst nicht die einzigen Besucher waren die diese antike Bestattungsstätte zu Gesicht bekamen, zeigen die zahlreichen Kerzenrussmalereien.  Ich glaube gar die Jahreszahl 1910 wiederzuerkennen. Fest steht, die Grabanlage steht seit etlicher Zeit, von Stollen her, zugänglich. Oberirdisch vermute ich dies Untertagewerk einige Meter unterhalb der Station Centrocelle. Die hin und wieder anfahrende Strassenbahn ist in den Gewölben gut hörbar.

Quellen
Kartenbasis www.openstreetmap.org
Bilder: Luisa / Matti

Links
Beiträge im Blog Roma, Industriearchäologie Hardcore Rom, Teil zwei